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“Ohne Permakultur wird es keinen Geschmack mehr geben; es wird keinen Kaffee mehr geben.”

Diese Aussage kommt von José, Atinkana-Mitbegründer und Leiter der Atinkana Farm in der Sierra Nevada, Kolumbien. Klingt extrem? Vielleicht. Ist es übertrieben? Leider ganz und gar nicht. 

Vor einigen Wochen waren wir wieder auf der Finca Atinkana in der Sierra Nevada und haben die Probleme, die kleinbäuerliche Kaffeefarmen plagen, hautnah miterlebt: Schwere Unwetter, die in mehreren Teilen Kolumbiens wüteten und grosse Schäden angerichtet haben – und zwar auch dort, wo die Finca Atinkana liegt. Der Sturm hat Anbauflächen beschädigt und Bäume umgestürzt, die entscheidend sind, um die Farmen vor Bodenerosion zu schützen. Tagelange Aufräumarbeiten und der verfrühte Abbruch der Trockenzeit waren einige der vielen Konsequenzen, die die Klimaerwärmung mit sich brachte. Und zwar nicht nur der Finca Atinkana, sondern auch allen anderen kleinbäuerlichen Betrieben entlang der Sierra Nevada.

Und auch wenn es nicht direkt ersichtlich sein mag, so haben diese Konsequenzen sehr viel mit dem Thema Permakultur und Agroforstwirtschaft zu tun, denen wir uns in diesem Blogartikel widmen möchten. 

Bei dem Sturm wurden viele Bäume und Sträuche zerstört, die eine wichtige Rolle beim Schutz vor Bodenerosionen spielen. Zudem wurden grosse Teile der Anbauflächen zerstört.


Das Problem mit der Monokultur

Eine Sache, die Kaffeepflanzen absolut nicht ausstehen können, ist direktes Sonnenlicht. Denn ursprünglich stammt der Arabica-Kaffee aus den feuchten Bergwäldern Südwestäthiopiens und des Südsudans; eingebettet in ein vielschichtiges Ökosystem und einer halb-schattigen Umgebung.¹ Was allerdings über viele Jahrhunderte funktioniert hat, wurde innerhalb weniger Jahrzehnte von Menschenhand zunichte gemacht.

Es war die Grüne Revolution der 1960er Jahre, die landwirtschaftliche Ertragssteigerungen durch neue Technologien erst möglich gemacht und den massiven Umstieg vom traditionellen Schattenanbau zu effizienteren Monokultur-Anbauten ausgelöst haben. Hierfür mussten grosse Gebiete entlang des gesamten Kaffeegürtels (äquatornahe Zone, in der Kaffee angebaut wird) abgeholzt werden.² Die Konsequenzen: ökologische Wüstenlandschaften, Verlust der Biodiversität, Bodenerosionen, erhöhte Pestizidnutzung, Artensterben und vermehrte Wassernutzung. Also die Folgen, die viele von den Monokulturen in der Landwirtschaft kennen.

Das hat unter anderem den kolumbianischen Kaffeeanbau stark geprägt: Von den 1970ern bis in die 1990er Jahre wurden mehr als 60% der Kaffeeflächen entwaldet und auf Monokultur umgestellt.³ Daran hat sich bis heute wenig geändert, auch wenn Kolumbien 2021 als erstes Land weltweit ein Coffee, Forest & Climate Agreement verabschiedet hat, das Agroforst, Waldschutz und Klimaschutz erstmals in einem nationalen Rahmen vereint.⁴ Die Probleme spitzen sich trotzdem weiter zu: Steigende Temperaturen und unberechenbare Wettermuster stören die Erntezyklen, der Kaffeeborkenkäfer und der Kaffeeblattrost tauchen in Höhenlagen auf, in denen sie früher nie vorkamen. Kolumbianische Forscher:innen und Farmer:innen arbeiten zwar an schädlingsresistenten Sorten⁵, doch stellt sich die Frage, ob das nicht einfach nur eine Symptombekämpfung ist. Und ob wir nicht an einer Lösung festhalten sollten, die das Problem an den Wurzeln packt


Agroforst? Permakultur? Das bedeuten diese Begriffe genau

Und da kommt die Permakultur und mit ihr auch die Agroforstwirtschaft ins Spiel, denn diese bieten die Lösung, die der globale Kaffeemarkt braucht. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich und inwiefern hängen sie zusammen?

Tatsächlich werden Permakultur und Agroforstwirtschaft oft in einem Atemzug genannt, sind aber nicht dasselbe. Vielmehr ist es so, dass sie aufeinander aufbauen: Die Permakultur liefert das grosse Ganze, während es sich bei der Agroforstwirtschaft um eine konkrete Umsetzungsform handelt.6 Und dabei wird ein Ziel verfolgt: Die Erschaffung und Erhaltung regenerativer Landwirtschaft, die mit der Natur und nicht gegen sie arbeitet. 

Permakultur:

Die Permakultur ist ein Begriff, der sich aus den englischen Wörtern „permanent» (dauerhaft) und „agriculture» (Landwirtschaft) zusammensetzt, also als “dauerhafte Landwirtschaft” übersetzt werden kann.7 Der Begriff an sich wurde zwar 1978 von den australischen Biogeographen Bill Mollison und David Holmgren geprägt, entstammt jedoch einer Grundidee, die schon sehr viel älter ist und sich an eine indigene Philosophie von einem Zusammenleben mit der Natur orientiert.

Denn die Permakultur ist ein holistisches Gestaltungskonzept, das sich natürliche Ökosysteme als Vorbild nimmt. Ziel ist es, landwirtschaftliche Systeme zu schaffen, die sich selbst erhalten, regenerieren und langfristig fruchtbar bleiben und das, ohne den Boden auszubeuten oder die Biodiversität zu gefährden. Also im Grunde ein Konzept, dass “back to the roots” geht und eine Umgebung für Nutzpflanzen schafft, die ihre ursprüngliche Umgebung nachahmt.8

Quelle: https://www.lepiantagionidelcaffe.com/en/le-nostre-piantagioni/finca-la-pradera/

Agroforstwirtschaft:

Die Agroforstwirtschaft unterliegt dem Ziel der Permakultur, ist aber eine spezifische Umsetzungsform davon. Bäume, Sträucher und Nutzpflanzen werden bewusst miteinander kombiniert, so dass sie voneinander profitieren, sich gegenseitig schützen und gemeinsam ein funktionierendes Ökosystem bilden.9 Für den Kaffeeanbau bedeutet das konkret: Die Kaffeepflanzen wachsen unter einem Baumdach, das sie vor der prallen Sonne schützt, Temperaturextreme abpuffert, die Bodenfeuchte erhält, Biodiversität fördert und – entscheidend – den Boden langfristig gesund und nährstoffreich hält.

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) funktionieren Agroforstsysteme als vielversprechende Praxis für die regenerative Landwirtschaft. Ein bestehendes Agroforstsystem stärkt Landwirt:innen, verbessert die Ernährungssicherheit und garantiert gesündere Böden. Zudem tragen diese zu einem nachhaltigeren Wassermanagement bei und ergreifen Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels.10

Und tatsächlich belegen aktuelle Studien, dass Agroforstsysteme im Kaffeeanbau vielversprechende Ergebnisse liefern, die sich positiv gegen den Klimawandel äussern. In einer Meta-Studie von Frontiers in Climate haben sich Forscher:innen 68 Studien der letzten 25 Jahre angeschaut und herausgefunden, dass Kaffeepflanzen in Agroforstsystemen deutlich besser mit Klimastress umgehen können als jene in Monokulturen: Sie verlieren weniger Ernte, sind widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheiten, und die Qualität der Bohne leidet weniger. Hinzu kommt, dass Schattenbäume die Temperatur im Mikroklima der Plantage messbar senken, den Boden reichhaltiger machen und mehr Feuchtigkeit in den Böden halten – und das mit konsistenten Ergebnissen über verschiedene Anbauregionen hinweg.11 Das sind sehr vielversprechende Ergebnisse, wie wir finden. 


Auch wir beziehen Kaffee aus Agroforstwirtschaft

Für uns bei Atinkana steht Haltung an erster Stelle – und die fängt in der Lieferkette an. Daher beziehen wir unseren Kaffee ausschliesslich über Belco, einen französischen Spezialitätenkaffee-Importeur, der seit über 15 Jahren direkt mit Produzent:innen arbeitet und seit 2024 einen Grossteil seiner Ware per Segelschiff transportiert.

Einer dieser Produzenten ist Oscar Daza, der die Finca La Pradera im kolumbianischen Santander leitet. Auf seiner Farm wachsen die Kaffeepflanzen in einem dreischichtigen Agroforstsystem mit 15 Schattenbaumarten. Der Kompost wird vor Ort aus Abwasser, Hühnermist und Pflanzenresten hergestellt, die Solaranlage versorgt die gesamte Anlage mit Strom, und die Früchte der Schattenbäume – Bananen, Zitronen, Clementinen – ernähren die Mitarbeitenden und werden auf dem lokalen Markt verkauft. Auf der Finca La Pradera wird alles getan, um mit der Natur zu arbeiten – und nicht gegen sie. Und wir von Atinkana sind stolz, mit solchen tollen Partnern kollaborieren zu können, die trotz der schrecklichen Seite des Kaffeemarktes nicht aufhören, für das Richtige einzustehen.

Quelle: https://www.lepiantagionidelcaffe.com/en/le-nostre-piantagioni/finca-la-pradera/


Quellen:

  1. Krishnan et al. (2021): Validating South Sudan as a Center of Origin for Coffea arabica. Frontiers in Sustainable Food Systems, Vol. 5. URL: frontiersin.org/journals/sustainable-food-systems/articles/10.3389/fsufs.2021.761611/full
  2. Encyclopædia Britannica: Coffee Production Autor: Britannica-Redaktion (kein Einzelautor ausgewiesen) Zuletzt aktualisiert: 1999 (ursprüngliche Publikation), fortlaufend aktualisiert URL: britannica.com/topic/coffee-production
  3. Cornell Lab of Ornithology / All About Birds: „In Colombia, Shade-Grown Coffee Sustains Songbirds and People Alike» (2016) — allaboutbirds.org/news/in-colombia-shade-grown-coffee-sustains-songbirds-and-people-alike/
  4. World Economic Forum: „Colombia’s Sustainable Coffee Sector and its Lessons for Climate Solutions» (Juni 2025) — weforum.org/stories/2025/06/columbias-sustainable-coffee-sector-and-its-lesson-for-climate-solutions/
  5. Daily Coffee News / Mongabay, Victor Raison (April 2025): dailycoffeenews.com/2025/04/22/inside-colombias-monumental-struggle-to-balance-coffee-quality-with-climate-adaptation/
  6.  SWB Magazin: „Was ist Permakultur?» — swb.de/ueber-swb/swb-magazin/nachhaltigkeit/was-ist-permakultur
  7. Devoney, M. (November 2024): „Regenerative agriculture, permaculture, organic: What do these terms really mean in coffee?» — Perfect Daily Grind — perfectdailygrind.com/2024/11/regenerative-permaculture-organic-terms-in-coffee/
  8. Indian Creek Nature Center (o.D.): „Permaculture: an alternative to the status quo» — indiancreeknaturecenter.org/blog/permaculture-an-alternative-to-the-status-quo/
  9. Powell, G. (Juli 2009) — agforinsight.com/agroforestry-and-permaculture-explained/
  10. FAO (o.D.) — fao.org/agroforestry
  11.  Frontiers in Climate (2025)t: „In coffee plantations, shade trees can reduce canopy temperatures by 2–4 °C, improve soil organic matter, enhance biodiversity and buffer against climatic extremes.» — frontiersin.org/journals/climate/articles/10.3389/fclim.2025.1699037/full