„Kaffee wird auf Armut angebaut.»
Ist laut den Autor:innen Toni Keppler, Laura Nadolski und Cecibel Romero ein Zitat, welches in Südamerika sehr verbreitet ist. Dabei handelt es sich um keine Übertreibung, sondern um eine Realität, vor der nach wie vor viele Kaffee-Händler:innen und Kaffeekonsument:innen die Augen verschliessen. Eine Realität, die darin verwurzelt ist, dass Kaffee im Grunde nichts anderes als neokoloniale Ware ist. Er wird angebaut unter Bedingungen, die in Europa nicht zumutbar wären, und wird vor allem von Menschen konsumiert, die sich die vielen Tassen Kaffee am Tag nicht mehr wegdenken können.
Und genau weil die Nachfrage danach so gross ist und der halbe Kaffeemarkt weltweit wenigen Grosskonzernen gehört, können diese auch die Kaffeepreise so weit nach unten drücken, wie es ihnen beliebt und damit alle Kaffeebäuer:innen, deren Existenzen vom Kaffeeanbau abhängig sind, in den Hunger treiben.1

Darum geht es in unserem Blogeintrag
- Warum die Zukunft von Kaffee nicht nur die Kaffeebäuer:innen, sondern uns alle betrifft.
- Permakultur und Agroforstwirtschaft: Warum diese Anbaumethoden essenziell für die Zukunft des Kaffees sind.
- Fair Trade: Gut gemeint, aber nicht die Lösung. Was wir stattdessen tun.
Und dabei sprechen wir nur von einer Seite der Medaille, denn auch die Natur ist stark von der Nachfrage nach Billigkaffee betroffen. Dass der Massenanbau von Kaffee in Monokulturen die Biodiversität in den Anbaugebieten zerstört, ist nichts Neues. Welche Verbindung allerdings nicht häufig gemacht wird, ist, was es für langfristige Folgen für Mensch und Natur hat.
So zeigt beispielsweise eine Studie der Universität Kopenhagen: In Gebieten mit intensivem Kaffeeanbau, darunter explizit Brasilien, Kolumbien, Jamaika und Nicaragua, häufen sich Berichte über Pestizidrückstände im Grundwasser, Hauterkrankungen, Atemwegsschäden, Bluthochdruck und Organschäden bei der lokalen Bevölkerung.² Dass Pestizidrückstände selbst nach dem Röstprozess im Kaffee als Endprodukt nachweisbar sind, zeigt eine Analyse von über 800 Kaffeebohnenproben aus verschiedenen Anbauländern. Dabei wurden Rückstände in über 21% der gerösteten Proben gefunden³, die unter anderen Umständen in der Tasse der Endkonsument:innen gelandet wären.
Wir sprechen hier von einem Teufelskreis ohne Ausweg, zumindest solange sich der Kaffeemarkt nicht zugunsten der Umwelt und der Farmer:innen verändert. Dieser beginnt bei den Endkonsument:innen, die Kaffee zu Dumpingpreisen verlangen. Grosskonzerne kaufen daraufhin einen erheblichen Teil der weltweiten Kaffeeernte auf und legen den Preis nicht nach Produktionskosten, sondern nach Börsenspekulationen fest.⁴ Der Druck landet anschliessend bei den Farmer:innen: Sie müssen für Hungerlöhne und maximalen Ertrag auf Monokultur-Plantagen arbeiten – oder, wenn sie für kleinere, unabhängige Betriebe arbeiten, zusehen, wie diese mangels Wettbewerbsfähigkeit vom Markt verschwinden.
Und als wäre das nicht genug, kommen noch die Auswirkungen auf die Böden hinzu. Denn es ist nachgewiesen, dass langjähriger Kaffeeanbau in Monokulturen den pH-Wert und den Gehalt an organischer Substanz im Boden senkt. Dabei sterben nützliche Bodenmikroben ab und führt dazu, dass dementsprechend die Erträge sinken.⁵ Um diese zu kompensieren, werden mehr Dünger und mehr Pestizide eingesetzt, was die Böden weiter auslaugt, Erosionen beschleunigt und das Ökosystem nachhaltig schädigt.
Bis es irgendwann keinen Kaffee mehr geben wird.

Es gibt keine einfache Lösung, sonst würde es nicht so viele Menschen geben, die verzweifelt danach suchen. Aber es gibt Entscheidungen, die man als Konsument:in, als Unternehmen, als Branche treffen kann, um diesem Teufelskreis entgegenzuwirken. Entscheidungen, bei denen Genuss und Verantwortung für Mensch und Natur Hand in Hand gehen können.
Permakultur und Agroforstwirtschaft
Wer unsere Mission bei Atinkana schon länger verfolgt, weiss: Unser Kaffee und auch unser Kakao entstammen Farmen, die ihren Fokus auf faire Arbeitsbedingungen für die Farmer:innen und nachhaltige Anbaumethoden legen – unter anderem Permakultur und Agroforstwirtschaft.
Es sind zwei Begriffe, die vermehrt in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit und Kaffee vorkommen und verständlicherweise kommt dabei die Frage auf: Wird mit diesen Begriffen um sich geworfen, wie es zum Beispiel bei Fair Trade der Fall ist? Steckt da Greenwashing dahinter?
Dabei sind es Konzepte, die das Problem tatsächlich genau dort adressieren, wo es verwurzelt ist: im Boden. Und zwar sehr effektiv. Denn die Permakultur ist ein holistisches Anbaukonzept, das natürliche Ökosysteme als Vorbild nimmt, mit dem Ziel, Landwirtschaft zu betreiben, die den Boden nicht ausbeutet, sondern regeneriert. Im Prinzip ist es eine Methode, die Kaffeepflanzen in einer Umgebung wachsen lässt, die für sie natürlich ist.
Die Agroforstwirtschaft ist wiederum die konkrete Umsetzung davon: Kaffeepflanzen wachsen eingebettet in ein vielschichtiges System aus Bäumen, Sträuchern und anderen Nutzpflanzen. Im Grunde so wie sie ursprünglich gewachsen sind, bevor die Grüne Revolution das alles zunichte gemacht hat.
Da wir den Rahmen hier nicht sprengen möchten, verweisen wir euch auf diesen Blogartikel, in dem wir ausführlich auf diese beiden Konzepte eingehen. Aber long story short: Nein, wir denken nicht, dass es sich bei diesen Begriffen um Buzzwords handelt, denn richtig angewendet, erzielen sie einen grossen Unterschied für den nachhaltigen Kaffeemarkt.
Warum wir keine Fair-Trade-Siegel für unseren Kaffee und Kakao verwenden
Etwas anders betrachten wir den Begriff Fair Trade.
Uns hat oft die Frage erreicht: Warum lasst ihr euren Kaffee nicht Fair-Tade-zertifizieren? Nun, wir finden, dass die Idee hinter Fair Trade an sich richtig und wichtig ist, denn die Zertifizierung bietet einen garantierten Mindestpreis für die Arbeitnehmer:innen, der unabhängig von den Börsenpreis-Schwankungen gezahlt wird. Dadurch soll sie Kleinbäuer:innen etwas mehr finanzielle Stabilität gewährleisten.6 Laut der Fairtrade-Iniative der Schweiz gilt seit August 2023 für gewaschenen Arabica-Kaffee ein neuer Fair-Trade-Mindestpreis von 1.80 US-Dollar pro Pfund. Damit sprechen wir von einer Erhöhung um 29% gegenüber dem vorherigen Wert, der seit 2011 unverändert geblieben war. Fairtrade International gibt jedoch selbst zu: „Wir wissen, dass dies nicht für alle Bäuer:innen ausreicht, um ein existenzsicherndes Einkommen zu erzielen.”7
Tatsächlich kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nach zahlreichen Auswertungen ebenfalls zu dem Schluss: Der Fair-Trade-Mindestpreis führt bestenfalls zu geringen Einkommenserhöhungen. Nur Kooperativen, die einen überdurchschnittlichen Anteil ihrer Produktion mit dem Siegel verkaufen, profitieren wirklich – und selbst dort können die Zertifizierungskosten die Mehreinnahmen nullifizieren.8 Zudem kann die Erstzertifizierung für kleine Farmen um die 2.250 € kosten, zuzüglich jährlicher Erneuerungsgebühren.9

(Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung)
Wir von Atinkana verlassen uns aus diesen Gründen nicht zwangsweise auf Fair-Trade-zertifizierte Farmen. Stattdessen arbeiten wir mit Belco zusammen, einem französischen Specialty-Coffee-Importeur, der einen Weg gefunden hat, tatsächlich faire und nachhaltige Optionen für Kaffeeröster:innen und Vertreiber:innen zu finden, die sich den direkten Handel nicht leisten können.
Denn laut Belco werden 93% des Kaffees direkt bei den Produzent:innen eingekauft, zu Preisen, die gemeinsam und unabhängig vom Weltmarkt festgelegt werden – basierend auf den tatsächlichen Produktionskosten vor Ort.10
Dies sorgt dafür, dass kleinbäuerliche Betriebe unterstützt werden, die vom volatilen Börsenpreis abhängig sind.

Gründerin Coco bei den Belco Les Primeurs 2024
Statt Zertifizierungssiegeln setzt Belco auf eigene Agronom:innen und Ingenieur:innen, die 365 Tage im Jahr direkt an den Anbauorten in Kolumbien, Äthiopien und El Salvador präsent sind, und fördert dabei gezielt Agroforstwirtschaft als Anbaumethode. Dazu transportiert Belco seine Kaffees per Segelschiff, was die CO₂-Emissionen des Seetransports um 70 bis 90% gegenüber konventionellen Containerschiffen reduziert11 und für uns als Segelkaffee-Brand schlicht unabdingbar ist.
Es sind Schritte, die nicht einfach umzusetzen sind und mit vielen Komplikationen einher kommen – aber es sind die Extrameilen, die wir gerne gehen, um für das Richtige einzustehen. Denn wie es Atinkana-Mitbegründer José es in diesem Video hier ganz richtig sagt:
«Ohne Permakultur wird es keinen Geschmack mehr geben, es wird keinen Kaffee mehr geben.»
Quellen:
- Keppler, Toni / Nadolski, Laura / Romero, Cecibel: Kaffee – Eine Geschichte von Genuss und Gewalt. Oekom Verlag, S. 238 und S. 255–256. https://www.oekom.de/buch/kaffee-9783987261077
- Koutouleas, Athina et al.: Unsustainable coffee production is making more and more people sick. Universität Kopenhagen / Plant Pathology, Juni 2023. https://science.ku.dk/english/press/news/2023/unsustainable-coffee-production-is-making-more-and-more-people-sick/
- Merhi et al. / Frontiers in Public Health (2022): Pesticide residues in Green, roasted, and capsule coffee from the Egyptian market: Occurrence, processing effects, and health risk assessment. Gamal et al., Food Chemistry (2025): sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0308814625019223
- Keppler, Toni / Nadolski, Laura / Romero, Cecibel: Kaffee – Eine Geschichte von Genuss und Gewalt. Oekom Verlag, S. 238 und S.256. https://www.oekom.de/buch/kaffee-9783987261077
- Zhao et al., Scientific Reports / Nature (2018): Long-Term Coffee Monoculture Alters Soil Chemical Properties and Microbial Communities. nature.com/articles/s41598-018-24537-2
- Fairtrade International (2023): Fairtrade erhöht den Mindestpreis für Kaffee. Fairtrade Schweiz. https://www.fairtrade.net/ch-de/mach-mit/news/fairtrade-erhoeht-den-mindestpreis-fuer-kaffee.html
- Fairtrade International (2023): Q&A: Neuer Fairtrade-Mindestpreis für Kaffee. Fairtrade Österreich / Issuu. https://issuu.com/fairtrade_at/docs/2023_30_03_q_a_fairtrade_mindestpreis_kaffee_/
- Baake, P., Friedrichsen, J. & Naegele, H. (2018): Soziale Nachhaltigkeitssiegel: Versprechen und Realität am Beispiel von Fairtrade-Kaffee. DIW Wochenbericht, 85(48), S. 1031–1037. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, Berlin. https://www.diw.de/de/diw_01.c.608371.de/publikationen/wochenberichte/2018_48_1/soziale_nachhaltigkeitssiegel__versprechen_und_realitaet_am_beispiel_von_fairtrade-kaffee.html
- Kaffeezentrale (o. J.): Ist Fairtrade Kaffee wirklich fair? https://www.kaffeezentrale.de/magazin/ist-fairtrade-kaffee-wirklich-fair/
- Belco (o. J.): Our sourcing philosophy. https://www.belco.fr/en/sourcing
- Belco (o. J.): Belco Impact – Sustainable Coffee Practices. https://www.belco.fr/en/impact
